„Man sieht nur, was man weiß“ erkannte schon Goethe und auch deshalb hatte Sabine Barth – die diesjährige Reise der Literarischen Gesellschaft Köln organisierte sie wieder in bewährter Weise – dafür gesorgt, dass die Teilnehmer durch kundige Führer und detaillierte Vorträge vor Ort umfassend informiert wurden. Bei prächtigem Wetter, langsam aufziehender Sonne, nicht zu heiß allerdings, brachen wir in Köln auf und erreichten Lübecks sieben Türme über die Puppenbrücke, vorbei am Holstentor und den Salzspeichern, pünktlich gegen 15.00 Uhr – fast ohne Stau auf der A1, was allein schon einer kleinen Sensation gleichkam.

Als erster Höhepunkt war noch am Freitag nach der Ankunft eine Führung durch das Buddenbrookhaus in der Mengstraße vorgesehen, bei der uns Frau Heide Aumann mit den Schätzen des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums vertraut machte. Ihr lebendiger Vortrag beeindruckte auch dank der zahlreichen Anekdoten über ihre Erlebnisse dort, sie lieferte uns eine perfekte Familien-Biographie der Brüder sowie der jüngeren Generation, der Kinder von Katia und Thomas Mann.

Einerseits bietet das Zentrum Autographen und Bilder, vielfältige Zeugnisse und seltene Ausgaben der Literatur dieser außergewöhnlich produktiven Schrifsteller-Dynastie, andererseits ist in Heinrich und Thomas Manns Großelternhaus der Versuch unternommen worden, die Szenerie der „Buddenbrooks“ möglichst authentisch nachzustellen, der „Verfall einer Familie“ wird gewissermaßen inszeniert, die Möbel stehen teils in Leinen verhüllt zum Abtransport bereit, zu Tonis Leidwesen warten die Hagenströms bereits darauf. Inzwischen hat hier auch die Erich-Mühsam-Gesellschaft ihren Sitz und erinnert an den 1934 im KZ Oranienburg ermordeten Lyriker, Dramatiker und Essayisten. Thomas Manns Beziehung zu Richard Wagner würdigte das Buddenbrookhaus in einer Sonderausstellung.

Den Abend rundete ein Besuch in der Schiffergesellschaft ab, wenn man so will dem europaweit wohl einzigen seit 1535 (!) bestehenden Haus einer Berufsgenossenschaft, wir speisten Labskaus oder Fischteller in angemessener Atmosphäre unterhalb eines Eskimo-Kajaks, den lübische Seeleute 1607 im Eismeer bargen. Bismarck verkehrte hier gern, konnten ihm die weitgereisten Kaufleute doch anschaulich Informationen aus aller Herren Länder geben, die er offenbar als hilfreich empfand. Deshalb weigerten sich die Lübecker auch, sein Porträt in der Schiffergesellschaft abzuhängen, als ein Lakai Wilhelm II. diese Zumutung an sie richtete: Der eiserne Kanzler sei in Ungnade gefallen!  Auf dieses beruhigende Zeugnis bürgerlich-demokratischen Selbstbewusstseins ließ sich trefflich mit lübschem Rotspon und Kräusen aus Bremen anstoßen; leider sollte auf diese Tugend nicht immer Verlass sein, wie wir spätestens im Willy-Brandt-Haus erfuhren.      

Denn am Morgen darauf führte uns Frau Aumann weiter durch die Stadt: Das Rathaus samt Rats- oder Audienzsaal und jenen der Bürgerschaft sowie den Roten Saal des Senats erkundeten wir ebenso wie Teile der Innenstadt. Gegenüber dem Rathaus liegt das Stammhaus des nächst Rotspon wohl bekanntesten Exportschlagers von Lübeck, oder, um Thomas Mann zu zitieren: „sieht man sich diese Süßigkeit genauer an, diese Mischung aus Mandeln und Rosenwasser und Zucker, so drängt sich die Vermutung auf, dass da der Orient im Spiele ist, daß man ein Haremskonfekt vor sich hat und daß wahrscheinlich das Rezept zu dieser üppigen Magenbelastung aus dem Morgenlande über Venedig nach Lübeck an irgendeinen alten Herrn Niederegger gekommen ist.“ Wir betrachteten einen der zahlreichen „Gänge", das Heilig-Geist-Hospital oder die inzwischen nicht mehr bespielte Museumskirche St. Katharinen mit ihren Figuren von Barlach und Marcks. Ein weiteres Highlight war die Führung im Günter Grass-Haus in der Glockengießerstraße. Als vielfältig aktiver Künstler schreibt Grass nicht nur, sondern hat auch Plastiken geschaffen und malt. Zur Zeit unseres Besuches gab es dort auch noch eine Ausstellung, die Photos des Schriftstellers Arno Schmidt präsentierte – auch er wie Grass gleichermaßen als bildender Künstler wie als Schriftsteller zu entdecken.

Ganz zu Recht macht Travemünde als „Lübecks schönste Tochter“ von sich reden, die Lübecker Handelsherren hatten den Konflikt mit der aufstrebenden Rivalin als Hafen- und Handelszentrum im Mittelalter schon 1329 in wahrhaft hanseatischem Geist gelöst: Sie kauften den Ort den Schauenburgern ab und hatten künftig das Sagen. Thomas Mann schwärmte von seinem „Ferienparadies“, heute noch kann man seine Begeisterung nachvollziehen angesichts des wohl dienstältesten Leuchtturms nicht nur an Deutschlands Küsten (erst 1974 wurde das Leuchtfeuer auf dem benachbarten Hotelturm entzündet). In der Sonne lag die „Passat“ an ihrem Kai, reger Schiffsverkehr begeisterte uns ebenfalls: Außer dem Lübecker Koggen-Nachbau passierten zahlreiche Ozeanriesen und Skandinavien-Fähren die Trave. Auch hier gaben wieder zahlreiche Zitate aus den „Buddenbrooks“ Gelegenheit, Dichtung mit der inzwischen veränderten Wirklichkeit zu vergleichen, Frau Jantzon vermittelte uns einen umfassenden literarhistorischen Ein- und Überblick.  

In der Eutiner Landesbibliothek stellte uns Frau Dr. Susanne Luber ihre Schätze vor: Es war im Wortsinn ergreifend, in Schedels Weltchronik oder anderen Folianten blättern zu dürfen, Inkunabeln direkt betrachten zu können, die man sonst nur ehrfürchtig in mildem Licht hinter Glas bestaunen darf. Ein Rundgang durch Eutin, das sich auch gern als „Rosenstadt“ rühmt mit seinem gerade prächtig renovierten Schloss (erbaut durch die aus der Hansestadt vertriebenen Lübecker Bischöfe …) beschloss den ereignisreichen Tag – natürlich auch diesmal wieder auf den Spuren zahlreicher Dichter und Denker, geführt von Dr. Wolfgang Griep. Nicht zuletzt dank des Homer-Übersetzers Johann Heinrich Voß begriff und begreift Eutin sich als „Musenstadt“, ja als das „Weimar des Nordens“ – ein Prädikat, das nicht überall nur auf ungetrübte Zustimmung stieß. Voß selbst mokierte sich über „das steife kleinhöfische Zeremoniell der Hofaffen, ihr Kammerdienergepränge und ihr Kammerkätzchengekläff“. Immerhin kamen seine Freunde zumindest zu Besuchen in die Stadt: Friedrich Gottlieb Klopstock, Matthias Claudius, Wilhelm von Humboldt oder Johann Caspar Lavater. Carl Maria von Weber wurde zwar hier geboren, seine Eltern verließen allerdings bald danach die Stadt. Goethe schätzte Voß selbst zwar als „Eutiner Leuen“, stand ansonsten der Region aber fast hanseatisch distanziert gegenüber: Der Weltbürger und weit gereiste Freigeist kam trotz zahlreicher Einladungen nie hierher, spöttelte über den Pietismus mancher Adelsfamilien, sprach von „christlich-moralisch-ästhetischem Jammer, der sich an den Ufern der Ostsee in der ohnmächtigsten Aufgeblasenheit versammelt“ habe und nannte die hiesigen Adelssitze schlicht „Sumpf- und Wassernester, zu weit hinten im Norden.“        

Fotos: Andreas Rummler

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